Wenn der 1. Januar nicht der Jahresanfang ist: Neujahrsfeste weltweit
Chinesisches Neujahr, Nowruz, Rosch ha-Schana und mehr: Warum der 1. Januar nicht überall der Jahresanfang ist und welche Kalender dahinterstecken.
Warum der 1. Januar nicht der einzige Jahresanfang ist
Für die meisten von uns beginnt das neue Jahr um Mitternacht am 1. Januar, mit Feuerwerk, Sekt und einem tickenden Silvester-Countdown. Dieses Datum ist allerdings eine Konvention des gregorianischen Kalenders, keine Naturkonstante. Weltweit richten sich Milliarden Menschen nach anderen Kalendersystemen und feiern ihren Jahreswechsel an ganz anderen Terminen, manche sogar mehrfach im Jahr, weil ihr religiöser und ihr staatlicher Kalender auseinanderfallen.
Der Grund liegt in der Astronomie. Ein Sonnenkalender wie der gregorianische orientiert sich an der Erdumlaufbahn um die Sonne mit rund 365,25 Tagen. Ein reiner Mondkalender wie der islamische zählt Mondphasen mit etwa 354 Tagen pro Jahr und verschiebt sich dadurch gegenüber dem Sonnenjahr jährlich um rund elf Tage. Lunisolarkalender wie der chinesische oder der jüdische kombinieren beides: Sie folgen dem Mond, schieben aber periodisch einen Schaltmonat ein, damit die Feste ungefähr in derselben Jahreszeit bleiben.
Kurz gesagt: Ob ein Neujahrsfest beweglich ist oder fest im Kalender steht, hängt davon ab, ob Sonne, Mond oder eine Kombination aus beidem die Zeitrechnung bestimmt.
Chinesisches Neujahr: Das Frühlingsfest und die größte Reisewelle der Welt
Das chinesische Neujahr, auch Frühlingsfest genannt, ist das bekannteste bewegliche Neujahrsfest der Welt. Es fällt auf den zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende und liegt damit zwischen dem 21. Januar und dem 20. Februar. 2026 beginnt das Jahr des Pferdes am 17. Februar. Der Grund für die Beweglichkeit liegt im chinesischen Kalender, einem Lunisolarkalender, der Monate am Mond ausrichtet, aber alle paar Jahre einen Schaltmonat einfügt, um mit dem Sonnenjahr synchron zu bleiben.
Jedes Jahr ist einem von zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet, Ratte, Büffel, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein. Der Zyklus wiederholt sich alle zwölf Jahre und beeinflusst in vielen Familien noch immer, wann geheiratet oder ein Unternehmen gegründet wird.
Chunyun, die größte Wanderung der Menschheit: In den rund 40 Tagen rund um das Frühlingsfest reisen in China schätzungsweise mehrere Milliarden Fahrten zusammen, weil Familien zum gemeinsamen Neujahrsessen zusammenkommen. Kein anderes wiederkehrendes Ereignis der Welt bewegt kurzfristig so viele Menschen gleichzeitig.
Zu den zentralen Bräuchen gehören rote Umschläge mit Geldgeschenken für Kinder, ein ausgiebiges Familienessen am Vorabend, Feuerwerk zur Vertreibung böser Geister und die Fernsehgala des chinesischen Staatssenders, die von Hunderten Millionen Menschen gleichzeitig verfolgt wird.
Rosch ha-Schana und islamisches Neujahr: Zwei Mondkalender, zwei Traditionen
Das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana beginnt am ersten Tag des Monats Tischri und fällt je nach Jahr auf einen Termin zwischen September und Anfang Oktober. Auch hier sorgt der lunisolare hebräische Kalender für die Beweglichkeit. Rosch ha-Schana leitet die zehn „Tage der Umkehr" ein, die mit Jom Kippur enden. Zu den zentralen Bräuchen zählen das Blasen des Schofar, eines aus einem Widderhorn gefertigten Blasinstruments, und der Verzehr von Apfelstücken in Honig getaucht, als Symbol für ein süßes neues Jahr.
Ganz anders funktioniert das islamische Neujahr, das am 1. Muharram gefeiert wird. Der islamische Kalender ist ein reiner Mondkalender ohne Schaltmonat, ein Jahr umfasst nur rund 354 Tage. Dadurch wandert das islamische Neujahr jedes Jahr um etwa elf Tage im Verhältnis zum Sonnenjahr nach vorn und durchläuft im Lauf von rund 33 Jahren einmal alle Jahreszeiten. 2026 fällt der 1. Muharram auf Mitte Juni.
Kein Rechenfehler: Wenn das islamische Neujahr in einem Kalenderjahr auf ein anderes Datum fällt als noch vor fünf Jahren, liegt das nicht an einer Verschiebung, sondern am fehlenden Ausgleichsmechanismus des rein lunaren Kalenders.
Anders als Silvester im Westen ist das islamische Neujahr überwiegend ein ruhiger, besinnlicher Tag ohne Feuerwerk. Manche Gemeinschaften erinnern zusätzlich an den zehnten Tag des Monats, Aschura, der je nach Glaubensrichtung mit unterschiedlichen religiösen Bedeutungen verbunden ist.
Nowruz und Songkran: Neujahr zur Tagundnachtgleiche und mit Wasser
Nowruz, das persische Neujahrsfest, ist an keinen Mondzyklus gebunden, sondern an ein astronomisches Ereignis: den Frühlingsanfang am 20. oder 21. März, wenn Tag und Nacht gleich lang sind. Grundlage ist der iranische Solarkalender, der die Jahreslänge sehr präzise an das tropische Sonnenjahr anpasst. Gefeiert wird Nowruz nicht nur im Iran, sondern auch in Afghanistan, Aserbaidschan, Teilen Zentralasiens und in kurdischen Regionen. Seit 2009 steht das Fest auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.
Im Zentrum steht der Haft-Sin-Tisch, gedeckt mit sieben Symbolgegenständen, deren persische Namen mit dem Buchstaben S beginnen, darunter Sabzeh (Sprossen), Sib (Apfel) und Senjed (Ölweide-Frucht). Sie stehen für Wachstum, Gesundheit und Erneuerung.
Ganz anders, aber ebenfalls an feste Kalendertage gebunden, ist Songkran, das thailändische Neujahrsfest vom 13. bis 15. April. Es basiert auf dem traditionellen buddhistischen Sonnenkalender Südostasiens. Bekannt ist Songkran vor allem als Wasserfest: Menschen übergießen sich gegenseitig auf offener Straße mit Wasser, ursprünglich ein Reinigungsritual, das Pech und Sünden des vergangenen Jahres wegspülen soll und heute auch schlicht große Freude bereitet.
Gut zu wissen: Songkran wurde 2023 ebenfalls in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, als eines von mehreren asiatischen Neujahrsfesten mit internationaler Anerkennung.
Enkutatasch und das orthodoxe „Alte Neujahr": Wenn ganze Kalender auseinanderdriften
Äthiopien folgt bis heute einem eigenen Kalender, der sich vom gregorianischen deutlich unterscheidet. Grund ist eine abweichende historische Berechnung des Geburtsjahrs Christi in der äthiopisch-orthodoxen Kirche, die zu einer Differenz von etwa sieben bis acht Jahren führt. Während in Europa 2026 gilt, befindet sich Äthiopien noch im Jahr 2018 beziehungsweise wechselt am 11. September, oder alle vier Jahre am 12. September, in das Jahr 2019.
Dieser Jahreswechsel heißt Enkutatasch, übersetzt etwa „Geschenk der Juwelen", und markiert zugleich das Ende der Regenzeit. Der äthiopische Kalender kennt zwölf Monate zu je 30 Tagen plus einen dreizehnten kurzen Monat namens Pagumē mit fünf oder sechs Tagen, ein Aufbau, der sich vom koptischen Kalender ableitet.
Eine kleinere, aber in Osteuropa fest verankerte Tradition ist das sogenannte „Alte Neujahr" in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar. Es geht auf den julianischen Kalender zurück, der bis 1918 in Russland und noch länger in kirchlichen Kontexten in Gebrauch war und heute rund 13 Tage hinter dem gregorianischen Kalender liegt. In Russland, Serbien und Teilen der Ukraine wird diese Nacht bis heute informell mit einem zweiten, kleineren Silvester gefeiert.
| Fest | Termin | Kalender | Kern-Brauch |
|---|---|---|---|
| Silvester / Neujahr | 1. Januar (fest) | Gregorianisch (Sonnenkalender) | Feuerwerk, Countdown, Sekt |
| Chinesisches Neujahr | 21. Jan.–20. Feb. (beweglich) | Lunisolar | Rote Umschläge, Familienessen |
| Rosch ha-Schana | Sep./Okt. (beweglich) | Hebräisch (lunisolar) | Schofar, Apfel mit Honig |
| Islamisches Neujahr | 1. Muharram (wandert) | Rein lunar | Besinnung, kein Feuerwerk |
| Nowruz | 20./21. März (fest) | Persischer Solarkalender | Haft-Sin-Tisch |
| Songkran | 13.–15. April (fest) | Buddhistischer Solarkalender | Wasserfest |
| Enkutatasch | 11./12. September (fest) | Äthiopisch | Ende der Regenzeit |
| „Altes Neujahr" | 13./14. Januar (fest) | Julianisch | Kleines zweites Silvester |
Was diese Vielfalt über Zeit und Feiern verrät
Acht verschiedene Neujahrstermine, und das ist noch nicht vollständig, denn auch das vietnamesische Tet, das indische Diwali-Neujahr in manchen Regionen oder das kambodschanische Chaul Chnam Thmey folgen eigenen Logiken. Was sich an all diesen Festen zeigt: Ein Kalender ist immer eine kulturelle Entscheidung darüber, welches Naturphänomen man als Taktgeber für die Zeit wählt, die Sonne, den Mond, oder eine Mischung aus beidem mit religiösen Korrekturfaktoren.
Für den Alltag in Deutschland bleibt der 1. Januar der praktische Bezugspunkt, weil Kalenderjahr, Steuerjahr und Schuljahr in den meisten Fällen daran hängen. Wer aber in einer Familie mit chinesischen, jüdischen, persischen, äthiopischen oder muslimischen Wurzeln aufwächst, kennt das Gefühl, im Lauf von zwölf Monaten mehr als einen Jahreswechsel zu feiern, und jeder davon hat seinen eigenen Geschmack, seine eigenen Rituale und seine eigene Bedeutung.
Bis zum 1. Januar zählt unser Silvester-Countdown die Zeit in Echtzeit herunter, ganz gleich, welchen der anderen Jahreswechsel du daneben noch im Blick behältst.
Am Ende erinnert die Vielfalt der Neujahrsfeste daran, dass Zeit selbst kein starres Gerüst ist, sondern eine Übereinkunft, die sich von Kultur zu Kultur unterschiedlich mit der Bewegung von Sonne und Mond verknüpft hat.
Wie lange noch bis Silvester?
Der Live-Countdown zählt Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zum Jahreswechsel.
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Häufige Fragen
Welches Land feiert als erstes das neue Jahr?
Die frühesten Zeitzonen liegen im Pazifik, etwa auf den Line Islands (Kiribati) und in Teilen von Samoa und Tonga mit UTC+14. Dort beginnt das neue Jahr fast einen ganzen Tag vor Mitteleuropa. Das gilt allerdings nur für den gregorianischen 1. Januar, nicht für die beweglichen Neujahrsfeste anderer Kalender.
Warum verschiebt sich das chinesische Neujahr jedes Jahr?
Der chinesische Kalender ist ein Lunisolarkalender: Die Monate richten sich nach dem Mond, ein eingeschobener Schaltmonat gleicht die Differenz zum Sonnenjahr aus. Dadurch fällt das Fest jedes Jahr auf ein anderes Datum zwischen dem 21. Januar und dem 20. Februar, je nachdem, wann der zweite Neumond nach der Wintersonnenwende eintritt.
Ist Nowruz dasselbe wie Neujahr im Iran?
Ja, Nowruz ist das offizielle Neujahrsfest im Iran und richtet sich nach dem iranischen Solarkalender, der am Tag der Frühlings-Tagundnachtgleiche beginnt. Anders als bei Mondkalendern liegt der Termin fest auf dem 20. oder 21. März und verschiebt sich nur um einen Tag, je nach genauem astronomischem Zeitpunkt des Äquinoktiums.
Warum feiert Äthiopien ein anderes Kalenderjahr?
Die äthiopisch-orthodoxe Kirche berechnete das Geburtsjahr Christi historisch anders als die westliche Kirche, was zu einer Differenz von rund sieben bis acht Jahren führt. Zusätzlich hat der äthiopische Kalender 13 statt 12 Monate. Beides zusammen sorgt dafür, dass in Äthiopien ein anderes Jahr gilt als im Rest der Welt.
Wie viele unterschiedliche Neujahrsfeste gibt es weltweit?
Eine genaue Zahl gibt es nicht, weil viele Regionen und Religionsgemeinschaften eigene Termine kennen. Neben den acht in diesem Artikel beschriebenen Festen gibt es unter anderem das vietnamesische Tet, das balinesische Nyepi und diverse indigene Neujahrstermine, die sich an lokalen astronomischen oder landwirtschaftlichen Zyklen orientieren.